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Kleine Weihnachtsgeschichte
Gestern habe ich tatsächlich den Weihnachtsmann getroffen.
Wirklich! Nicht geflunkert. Und das kam so:
Ich hatte mich in unserer Stadt verfahren und es wurde schon dunkel.
In irgendeinem finsteren Stadtteil war ich gelandet. Also blätterte
ich in der Straßenkarte herum und suchte einen Weg aus dem
Labyrinth. Plötzlich klopfte es an meine Seitenscheibe. Da
stand wirklich der Weihnachtsmann neben mir. Mit Schlitten und Rentieren.
Selbstverständlich habe ich sofort die Scheibe heruntergefahren
und herausgeschaut. Doch bevor der Weihnachtsmann etwas sagen konnte,
habe ich ihn erst mal kräftig am Bart gezogen.
"Aua!", sagte er.
Das sollte man unbedingt bei Weihnachtsmännern zuerst machen.
Sie mal kräftig am Bart ziehen. Da gibt es nämlich eine
Menge von denen, die nur so tun als ob sie ein Weihnachtsmann sind
und dabei sind sie keiner und schon ist man reingefallen. Dieser
Weihnachtsmann hatte laut und deutlich Aua gesagt. Das war der Beweis.
Der Bart war echt und der Weihnachtsmann auch.
"Entschuldigung", sagte ich, "wollte nur sehen, ob
sie auch echt sind".
"Ja, schon gut", sagte er und rieb sich sein Kinn, "sagen
sie mal, ich sehe da, daß sie eine Straßenkarte haben.
Wäre es möglich, wenn sie mir mal die Eduard von Knockenbrinkstraße
raussuchen. Die suche ich nämlich wie verrückt".
"Aber klar", sagte ich und blätterte. "Eda..,
Edi.., Edu.., Eduard von Knockenbrinckstraße, das müßte
die zweite da vorne links sein. Kann ich sonst noch was für
sie tun. Vielleicht ein paar Pakete für sie austragen",
fragte ich freundlich wie ich nun einmal bin.
"Oh, das wäre wirklich nett vom ihnen", sagte der
Weihnachtsmann, "ich habe gerade einen Kühlschrank und
eine Gefriertruhe in den vierten Stock schleppen müssen. Wenn
sie mir wenigstens in der Eduard von Knokkenbrinckstraße helfen.
Das wäre wirklich toll von ihnen".
"Klar!", sagte ich.
Also ließ ich mein Auto stehen und setzte mich zu ihm auf
den Schlitten. Der Weihnachtsmann schnalzte nur einmal mit der Zunge
und schon ging der Schlitten ab wie bekloppt. Ich sollte mal mit
meinem Autohändler reden, ob der mir auch solche Rentierstärken
einbauen kann anstatt Pferdestärken, weil die tierisch abgehen.
Außerdem machen Rentiere keine Abgase nur mal einen kleinen
Haufen, aber das ist ja nicht so schlimm. Hauptsache man latscht
nicht rein. Dann ist es schon ein bißchen schlimm.
Wir waren also Hastenichtgesehen in der Eduard von Knockenbrinckstraße.
Mit einem Looping und drei Schrauben. Mir war ganz schwummerig als
wir wieder gelandet waren.
"Nummer 122, wir müssen zum kleinen Peter", sagte
der Weihnachtsmann.
"122, ist da drüben", sagte ich und wollte gerade
absteigen.
"Einen Moment", sagte der Weihnachtsmann, "ich muß
dich erst noch unsichtbar machen."
Er nahm einen Beutel mit Sternenstaub und streute mir eine Prise
über den Kopf. Unsichtbar, das war ich ja noch nie und war
schon sehr gespannt. Aber man merkt nichts. Es fühlt sich nach
gar nichts an, man merkt nichts davon. Nur die Anderen, die merken
was, nämlich nichts mehr von dir, weil du ja unsichtbar bist.
Die Leute gehen einfach durch dich hindurch, als ob nichts wäre.
Und durch Türen kann man durchgehen. Das ist natürlich
praktisch wenn man ein Weihnachtsmann ist oder wie ich Pakete für
Peter heimlich in den zweiten Stock tragen soll und keiner kriegt
was mit. Der Weihnachtsmann hatte mir genau gesagt, wie ich das
machen soll und eigentlich ist das ja auch ganz einfach. Im zweiten
Stock ging ich durch die Türe in die Wohnung. Die Mutter sah
ich in der Küche Plätzchen backen. Ich ging in das Wohnzimmer,
wo der Vater den Weihnachtsbaum schmückte. Da stellte ich die
Geschenke ab. Einen kleinen Blick habe ich auch in das Kinderzimmer
geworfen. Da versuchte sich gerade Peter einen Socken anzuziehen.
Wahrscheinlich wollte er sich schick für Weihnachten machen.
Auf seinem Bett lagen die gebügelten Sachen. Ich konnte ihm
leider nicht helfen. Außerdem hätte er sich sicher erschreckt.
Ich hörte den Weihnachtsmann auf der Straße rufen, also
ging ich wieder runter.
In Haus Nummer 124 wohnte Frau Stubenberg im ersten Stock, die bekam
einen Rasierapparat weil sie immer so stachelig war. Der ist ja
nicht schwer. Das machte der Weihnachtsmann selber. Ich hielt solange
die Rentiere fest. In Haus Nummer 132 brachte ich dann eine Spielzeugautobahn,
ein Barbihaus, einen Wackeldackel und einen Riesenteddy in den vierten
Stock. Da wohnte die Familie Kumpenreuter mit vier Kindern. Da war
es sehr unordentlich.
Dann kamen noch die Hausnummern 154, 187, 176 und 215. Da war ich
schon ziemlich fertig. Die Eduard von Knockenbrinckstraße
hört zum Glück mit der Hausnummer 234 auf. Nur noch ein
kleines Haus! Dachte ich jedenfalls. Als wir um die Ecke kamen,
sah ich das die Hausnummer 234 eine Hochhaus mit mindestens 20 Stockwerken
war. Da mußte ich erst einmal tief schnaufen.
Was ich da alles raufgeschleppt habe, weiß ich wirklich nicht
mehr, aber ich hatte das Gefühl, ich habe da drei Stunden malocht,
während der Weihnachtsmann auf dem Schlitten saß und
an ein paar Weihnachtskeksen geknabbert hat. Dummerweise war auch
noch der Aufzug kaputt. An einige Sachen kann ich mich noch erinnern.
Eine Spülmaschine, drei Schulranzen, ein Klavier, drei Legopolizeistationen,
einen Fotoapparat, zwei Elefanten, einen Topf mit Fingerfarben,
zwei Taschenrechner, einen Computer mit Bildschirm, zwei Marmeladentöpfchen,
ein Vogelhäuschen, ein Frosch aus Stoff, eine Uhr aus Glas,
einen kleinen Kanarienvogel mit Federn, eine große Weihnachtsgans
ohne Federn, ein Schachspiel aus Stein, eine Kohlrabi, zwei Flaschen
Ssssnapps, einen Hochzeitsring mit Brüllllianten dran, und,
und, und. Ach, ich weiß nicht mehr was sonst alles.
"Fertig", sagte ich nachdem ich alles raufgetragen hatte
und ließ mich auf den Sitz fallen.
"Eigentlich müßte deine Unsichtbarkeit nun auch
wieder vorbei sein", sagte der Weihnachtsmann und schaute auf
seine große Taschenuhr. "Aber ich muß ganz sicher
gehen". Dann holte er aus und trat mir feste gegen das Schienbein.
"Aua!", sagte ich.
"Entschuldigung, ich mußte nur ganz sicher sein, daß
du wieder echt bist. Wenn du noch unsichtbar wärst, hätte
ich ja durch dich hindurchgetreten."
Das leuchtete mir ein, aber mein Bein tat trotzdem weh.
Der Weihnachtsmann bedankte sich bei mir, weil er mal eine kleine
Pause hatte. Zum Abschied habe ich noch die Rentiere gestreichelt.
Aber ich glaube, ich habe mir einen Floh dabei eingefangen. Dann
winkte der Weihnachtsmann mir kurz zu und zischte mit dem Schlitten
ab wie bekloppt. Ich habe auch gewunken.
Auch wenn das sehr anstrengend war, es hat natürlich auch
Spaß gemacht.
Schöne Grüße auch vom Weihnachtsmann. Er kommt
zwar selber bei dir vorbei, da ist er aber unsichtbar. Vielleicht
merkst du am heiligen Abend über Tag oder Abends mal so ein
Kribbeln wie von einen kalten Windhauch. Dann war das sicher der
Weihnachtsmann, der durch dich hindurch gegangen ist, um deine Geschenke
abzuliefern.
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